Europa sucht seinen Weg in die Straße von Hormus

Neben Iran und den USA hat eine weitere Gruppe von Staaten ihre Absicht bekundet, "die Freiheit der Schifffahrt in der Straße von Hormus zu gewährleisten". Was genau verbindet all diese Länder, was genau streben sie tatsächlich an – und warum wird es in der Realität nicht gelingen, diese "Freiheit" zu gewährleisten?

Von Waleria Werbinina

Der Konflikt im Nahen Osten hat die außerordentliche Bedeutung der traditionellen Seewege deutlich gemacht, über die die für die Wirtschaft wichtigsten Güter – in erster Linie Energieträger – transportiert werden. Einer der engsten Punkte dieser Seewege ist die Straße von Hormus, in der sich nun eine Art durch den Krieg genährtes "Blutgerinnsel" gebildet hat. Die Meerenge befindet sich im Grunde in einer doppelten Blockade: Für westliche Tanker wird sie von Iran blockiert, iranische Tanker wiederum werden von den Vereinigten Staaten behindert.

Europa hat angekündigt, ein eigenes Gegenmittel anbieten zu können. Erste Informationen über eine europäische Koalition, die mit dem Ziel gebildet wird, die Straße von Hormus de facto zu kontrollieren, sickerten bereits im März an die Presse durch. Das französische Verteidigungsministerium betonte bereits damals, dass es sich um eine "rein defensive Strategie" handele:

"Frankreich setzt die Konsultationen mit seinen Partnern über eine Initiative fort, die darauf abzielt, die Wiederherstellung der Freiheit der Schifffahrt in der Straße von Hormus zu fördern, sobald die Intensität der Kampfhandlungen nachlässt."

Am 26. März fand per Videokonferenz ein Arbeitstreffen statt, das von General Fabien Mandon, dem Stabschef der französischen Streitkräfte, organisiert wurde. Insgesamt nahmen Vertreter von 35 Ländern "von allen Kontinenten" daran teil. Französische Medien heben hervor:

"Diese beispiellose politische Initiative zeigt, dass die Europäer unter der Führung Frankreichs aktiv bleiben und bestrebt sind, eine starke internationale Front zu bilden, die in der Lage ist, Einfluss auf die Ereignisse zu nehmen und zur Rückkehr zum Frieden beizutragen."

Mit anderen Worten: Wir haben es hier im Wesentlichen mit der Enttäuschung der Europäer darüber zu tun, dass sie schon zum wiederholten Mal bei weltbewegenden Ereignissen außen vor bleiben. Timofei Bordatschow, Programmdirektor des internationalen Diskussionsclubs Waldai, sagt gegenüber der Zeitung Wsgljad:

"Die europäischen Länder verstehen, dass sie in der militärischen und diplomatischen Situation rund um Iran keinen Platz haben. Aber sie versuchen, in ihren Äußerungen das Gegenteil zu suggerieren."

Der Politologe erinnert daran, dass Donald Trump zuvor die NATO-Verbündeten aufgefordert hatte, bei der Lösung der Krise um die Straße von Hormus zu helfen, doch niemand habe darauf reagiert. Laut Bordatschow sei das aktuelle Ziel der Europäer einfach, "zu zeigen, dass es sie gibt, dass sie existieren". Die Europäer "versuchen, eine europäische Säule der NATO ohne die USA aufzubauen und die öffentliche Meinung daran zu gewöhnen, dass es Sicherheitsfragen gibt, die sie ohne Washington lösen wollen", bestätigt Stanislaw Tkatschenko, Professor am Lehrstuhl für Europastudien der Fakultät für Internationale Beziehungen der Staatlichen Universität Sankt Petersburg.

Am Montag, dem 13. April, ging der französische Präsident Emmanuel Macron dann ins Detail – er kündigte an, dass eine Konferenz mit den Ländern stattfinden werde, die "bereit sind, gemeinsam mit uns einen Beitrag zu einer friedlichen multinationalen Mission zu leisten, die darauf abzielt, die Freiheit der Schifffahrt in der Meerenge wiederherzustellen". Wenn Macron von "uns" spricht, meint er damit auch Großbritannien, das durch das unberechenbare Verhalten seines einstigen traditionellen Verbündeten – der USA – unter Donald Trump beunruhigt ist. Deshalb hat sich die britische Regierung von Keir Starmer in das eingebunden, was man als europäische Front gegen die US-amerikanische Politik bezeichnen könnte.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, stehen vier Hauptthemen im Mittelpunkt der Koalition: erstens die Wahrung der Freiheit der Schifffahrt und der Sicherheit auf See; zweitens die Verhängung wirtschaftlicher Sanktionen gegen Iran für den Fall, dass die Meerenge geschlossen bleibt; drittens die Befreiung festgehaltener Seeleute und Schiffe; und schließlich die Koordinierung der Maßnahmen mit der Schifffahrtsbranche zur Vorbereitung auf die Wiederaufnahme des Transits.

Die Koalitionsführer haben die Aufgaben untereinander aufgeteilt: So leitet London die diplomatischen Bemühungen, während Paris sich um die militärische Planung, die Bewertung der den Teilnehmerstaaten zur Verfügung stehenden Ressourcen und die Methoden ihres Einsatzes kümmert. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, haben neben den Europäern auch Japan, Australien, Kanada und einige Länder am Persischen Golf Interesse an der Koalition bekundet.

Der entscheidende, eigentlich militärische Bestandteil der künftigen Koalition wird bislang geheim gehalten. Nach einigen Berichten zu urteilen, beabsichtigte Großbritannien, ein einziges Schiff der Royal Navy in die Straße von Hormus zu entsenden, das zur Aufspürung und Zerstörung von Minen modernisiert wurde.

Zu diesem Zweck sollten insbesondere modernste Unterwasserdrohnen zum Einsatz kommen. Wie die Zeitung The Guardian berichtet, betreibe oder entwickle Großbritannien derzeit vier unbemannte Bootssysteme mit den Codenamen Wilton, Sweep, SeaCat und MMCM. Das britische Verteidigungsministerium gibt an, dass sich die Drohnen bereits in der Region befinden (offenbar wurden sie per Lufttransport dorthin gebracht).

Generell lässt der Zustand der britischen Marine zu wünschen übrig. Insgesamt verfügt die britische Flotte über sieben Minensuchboote, doch vier davon stehen für sofortige Einsätze nicht zur Verfügung (sie befinden sich in Reparatur oder sind nicht ausreichend einsatzbereit). Die verbleibenden drei gelten als äußerst wichtig "für den Schutz der britischen Gewässer vor russischen Bedrohungen" und für die Gewährleistung einer sicheren Durchfahrt von Atom-U-Booten aus Faslane im Westen Schottlands. Unterwasserdrohnen sind also der maximale reale Beitrag, zu dem die ehemalige "Herrin der Meere" fähig ist. Darüber, ob andere Länder ihre Marine in das Gebiet der Meerenge entsenden werden, wird überhaupt nichts berichtet.

Was Frankreich betrifft, so spricht es schon seit langem von der Notwendigkeit einer militärischen Begleitung von Tankern durch die Straße von Hormus. Doch wie The Guardian unter Berufung auf Schifffahrtsexperten von Lloyd's List schreibt, würde in diesem Fall ein riesiges Problem mit der "Durchlasskapazität" entstehen.

Tatsächlich wären zum Schutz der Tanker vor Luftbedrohungen, Drohnen, Unterwasserdrohnen und so weiter in Wirklichkeit acht bis zehn Zerstörer erforderlich, die Gruppen von 5 bis 10 Schiffen gleichzeitig eskortieren. Vor dem Konflikt passierten durchschnittlich 120 bis 140 Schiffe pro Tag die Meerenge. Das Konvoisystem erfordert zudem Einbahnverkehr, was bedeutet, dass der Verkehr im besten Fall etwa 10 Prozent des normalen Verkehrsaufkommens betragen wird.

Mit anderen Worten: Was die britische Presse als "Durchsatzkapazität" bezeichnet, bedeutet in Wirklichkeit, dass es nicht genügend Schiffe der französischen und britischen Marine gibt, um die Ölkonvois zu eskortieren.

In dieser gesamten Konstellation, die von den Behörden Frankreichs und Großbritanniens sorgfältig ausgearbeitet wurde, sind bislang keine klaren Antworten auf eine Reihe weiterer wichtiger Fragen zu erkennen. So ist beispielsweise der rechtliche Status der Koalition unklar, für deren Handeln eigentlich ein UN-Mandat erforderlich wäre – wofür die Zustimmung der USA, Chinas und Russlands nötig wäre.

Unbekannt ist auch, wie die Überwachung der Lage in der Meerenge erfolgen soll. Wer und mit welchen Mitteln – Luft- oder Weltraumstreitkräften – wird den Ölverkehr überwachen? Glaubt man The Guardian, "könnten die Koalitionspartner, darunter möglicherweise Großbritannien, nach der Minenräumung die Luftüberwachung der Schifffahrtswege sicherstellen, doch wie genau diese zwischen den Ländern aufgeteilt wird, ist bislang unklar".

Kurz gesagt: Bislang liegt nichts weiter vor als eine leere und kaum mit Inhalten gefüllte politische Erklärung. Mit welchen Mitteln die Europäer die Freiheit der Schifffahrt gewährleisten wollen, ist völlig unklar. Auf der Seite Irans stehen die geografische Lage und die tatsächliche Kontrolle über die Meerenge. Auf der Seite der USA steht die stärkste Marine der Welt, von der bereits eine große Flottengruppe in der Region präsent ist. Und auf der Seite Europas wird es offenbar nicht mehr geben als die Erklärungen, die auf der vom französischen Präsidenten versprochenen Konferenz abgegeben wurden.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 15. April 2026 auf der Webseite der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Waleria Werbinina ist Analystin bei der Zeitung "Wsgljad".

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