Wie zahlreiche Medien unter Berufung auf die dänische Nachrichtenagentur Ritzau berichten, hat das dänische Parlament Folketing gestern eine Entschädigung für gynäkologische Zwangsmaßnahmen bei Grönländerinnen beschlossen. Meist handelte es sich um die Einsetzung einer Spirale. Die Betroffenen erhalten 300.000 Kronen, das sind rund 40.000 Euro, als Kompensation für das erlittene Unrecht.
Grönland ist ein autonomer Bestandteil Dänemarks mit einer eigenen Regierung. Den Autonomiestatus besitzt die Insel seit 1979, in erweiterter Form seit 2009. Bis 1992 war Dänemark für das grönländische Gesundheitswesen verantwortlich.
Vor allem in den 60er- und 70er-Jahren, teilweise bis zum Jahr 1991, setzten dänische Ärzte Grönländerinnen ohne deren Zustimmung oder ihr Wissen Verhütungsspiralen zur Verhinderung einer Schwangerschaft beziehungsweise deren Einnistung ein.
Anlass für einen derartigen gynäkologischen Eingriff waren häufig Geburten oder Schwangerschaftsabbrüche der Patientinnen. Auch nach 1992, als Grönland seine Gesundheitsversorgung selbst übernommen hatte, führten Ärzte diese Praxis noch eine Zeit lang weiter. Bei minderjährigen Mädchen geschah die Einsetzung der Spirale oft ohne Erlaubnis der Eltern. Manche Grönländerinnen wurden dadurch auf Dauer unfruchtbar.
Bis zu 4.500 grönländische Frauen sollen von dieser Vorgehensweise des dänischen Gesundheitswesens betroffen sein und nun Schmerzensgeld erhalten. Zum Vergleich: In den 60er- und 70er-Jahren lebten rund 9.000 Frauen im gebärfähigen Alter auf Grönland. Bereits im vergangenen Jahr hatte sich die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen für das Vorgehen der dänischen Mediziner entschuldigt.
Am Freitagnachmittag ging es nun um die Frage, ob dieses Verfahren der Gesundheitsbehörden auch genozidale Ausmaße angenommen hat. Nach statistischen Angaben hat die Insel derzeit 57.000 Einwohner. In den 60er-Jahren betrug das Bevölkerungswachstum zeitweise vier Prozent. Danach sank die jährliche Wachstumsrate gerade in den 70e-Jahren drastisch, um im Jahr 2025 sogar ein Minuswachstum von -0,1 zu erreichen.
Die grönländische Regierung hatte im Jahr 2024 unabhängige Fachleute mit der Prüfung beauftragt, ob der Staat Dänemark mit der Zwangsverhütung einen Völkermord begangen habe. Da sich die vierköpfige Expertengruppe aufspaltete, liegen dem Folketing nun zwei Berichte vor. Einer der Experten, Jonas Christoffersen, hatte bereits im Vorfeld kritisiert, dass die Abstimmung zur Entschädigung vor der Bekanntgabe der beiden Berichte stattfand.
Wie der öffentlich-rechtliche grönländische Rundfunksender KNR berichtet, kamen zwei Experten zu dem Schluss, dass kein Völkermord vorliege, da der dänische Staat oder die Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes keine Vernichtungsabsicht gegen die Inuit gehegt hätten. Auch eine systematische Anwendung von Verhütungsmitteln ohne Zustimmung der betroffenen Frauen habe es nicht gegeben.
Der andere Teil der Experten verweigerte eine eindeutige Antwort, wollte einen Völkermord aber nicht von vornherein ausschließen und verwies auf die Justiz, die diese Frage beantworten müsse. Der Streitfall bleibt also weiterhin in der Schwebe. Die Regierung von Grönland hat die Gutachten und Berichte am Freitagnachmittag auf ihrer Homepage veröffentlicht.
Bereits vor der Veröffentlichung der Berichte gab es in Dänemark Befürchtungen, US-Präsident Donald Trump könnte den Vorwurf des Völkermords an der indigenen Bevölkerung Grönlands benutzen, um den US-amerikanischen Anspruch auf die Insel zu bekräftigen.
So prophezeite etwa Alex Ahrendtsen, der Grönland-Sprecher der Dänischen Volkspartei, eine weitere Einmischung Trumps in die dänisch-grönländischen Angelegenheiten aufgrund des Spiralen-Skandals. Bisher lehnt eine große Mehrheit der Einwohner Grönlands einen Beitritt zu den Vereinigten Staaten ab.
Wie sehr Grönland derzeit aus geostrategischen Gründen umworben wird, zeigt sich auch einer Meldung des dänischen Fernsehsenders TV2, der zufolge die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen am 6. und 7. September die Arktis-Insel besuchen wird, um eine Erklärung zur Sicherheit und Zusammenarbeit zwischen der EU und Grönland zu unterzeichnen.
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