Der arktische Riese: Was der Westen über Russlands Nordgrenze verschweigt

Als weltweit größte Anrainer-Macht sieht Russland in der Arktis ein enormes wirtschaftliches, handelspolitisches und militärisches Potenzial. Doch auch die Begehrlichkeiten der EU und der NATO an der Region werden zunehmend größer und fordern Russlands Sicherheit heraus.

Von der RT-Redaktion

"Russlands Zukunft … liegt in der Arktis", erklärte Präsident Wladimir Putin im vergangenen Jahr und bezeichnete den gefrorenen Norden als Eckpfeiler des nationalen Wohlstands für kommende Generationen.

Ein Blick auf die Landkarte verdeutlicht den Grund: Nach Angaben des Arktischen Rates entfallen etwa 53 Prozent der Küstenlinie des Arktischen Ozeans auf Russland – damit ist das Land geografisch gesehen die weltweit größte Arktismacht.

Doch es geht um weit mehr als nur um Geografie: Die russischen Arktisgebiete beherbergen enorme Öl-, Gas- und Mineralienvorkommen, sind Standort für wesentliche Elemente der russischen nuklearen Abschreckung und beherbergen zahlreiche Militärbasen.

Da der Klimawandel und der Rückgang des Meereises allmählich neue Möglichkeiten für die Schifffahrt eröffnen, versucht Moskau zudem, die Nordostpassage (auch als Nördlicher Seeweg bezeichnet) in eine lukrative Handelsroute zwischen Europa und Asien zu verwandeln.

Unterdessen stellen sowohl die NATO als auch die EU die traditionelle Präsenz Russlands in der Arktis zunehmend infrage. Am 20. Oktober bezeichnete die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas die Region als "Frontlinie des globalen Machtwettbewerbs". Sie warf Moskau eine Militarisierung vor, während sie gleichzeitig den Ausbau der Zusammenarbeit mit der NATO, die Entwicklung militärischer Logistikkorridore und den Aufholprozess gegenüber Moskau hinsichtlich der Eisbrecherkapazitäten vorantreibt.

Russland betont, dass es "niemals irgendjemanden in der Arktis bedroht" habe, versichert jedoch, seine souveränen Interessen zu wahren – und wirft der NATO im Gegenzug vor, die Spannungen zu verschärfen.

Doch was genau macht die russische Arktis so besonders, und warum ist Moskau so entschlossen, dort seine Position zu behaupten?

Was definiert die Arktis?

Im Gegensatz zur Antarktis, einem von Ozeanen umgebenen Kontinent, ist die Arktis ein Ozean, der von den nördlichen Gebieten Eurasiens und Nordamerikas, Grönland sowie zahlreichen Inseln umschlossen wird. Als geografische Grenze der Region gilt allgemein der nördliche Polarkreis; nördlich davon kann die Sonne im Sommer 24 Stunden lang über dem Horizont bleiben, während sie im Winter für mindestens einen Tag vollständig verschwindet.

Acht Länder verfügen über Territorien in der Arktis: Russland, Kanada, die Vereinigten Staaten, Dänemark (über Grönland), Norwegen, Schweden, Finnland und Island. Die ersten fünf dieser Staaten besitzen Küsten, die direkt an den Arktischen Ozean grenzen – was ihnen eine bedeutende Rolle bei der Festlegung von Seegrenzen und dem Zugang zu Ressourcen verleiht.

Die Region ist geprägt von extremer Kälte, ausgedehntem Meereis, Permafrost, lang anhaltender Polarnacht im Winter und durchgehendem Tageslicht im Sommer. In kontinentalen Gebieten können die Temperaturen auf unter –40 °C fallen; zudem erschweren dickes Meereis, Stürme und eine begrenzte Infrastruktur den Transport sowie industrielle Aktivitäten erheblich.

Allerdings erwärmt sich die Arktis fast viermal so schnell wie der weltweite Durchschnitt. Dies eröffnet beispiellose Möglichkeiten für den Seehandel und die Ausbeutung von Ressourcen – auch wenn der auftauende Permafrost die bestehende Infrastruktur gefährdet.

Wem gehört was in der Arktis?

Russland, Kanada, die USA, Dänemark und Norwegen – die Anrainerstaaten des Arktischen Ozeans – üben Souveränität über ihre fest definierten Landgebiete und Inseln sowie über ihre Hoheitsgewässer aus, die sich bis zu 12 Seemeilen vor der Küste erstrecken. Zudem haben diese Küstenstaaten innerhalb einer 200-Seemeilen-Zone – der sogenannten ausschließlichen Wirtschaftszone – exklusive Rechte an den dort vorhandenen natürlichen Ressourcen.

Diese Rechte können jedoch noch deutlich weiter reichen, sofern nachgewiesen werden kann, dass der Meeresboden jenseits dieser Grenze Teil des jeweiligen Festlandsockels ist. Hier beginnt ein hochriskantes Machtspiel: Staaten, die Ansprüche auf einen erweiterten Festlandsockel geltend machen können, erhalten das Recht, dessen Öl-, Gas- und Bodenschätze exklusiv erkunden und ausbeuten zu dürfen.

Schätzungen zufolge birgt die Arktis allein an unentdeckten, aber förderbaren Reserven 90 Milliarden Barrel Erdöl und 1.669 Billionen Kubikfuß Erdgas – hinzu kommen reichhaltige Vorkommen an Nickel, Kupfer, Palladium, Eisenerz, Zink, Blei, Phosphat und Bauxit. Zum Vergleich: Die OPEC schätzt die gesamten nachgewiesenen Reserven Russlands auf 80 Milliarden Barrel Rohöl und etwa 1.483 Billionen Kubikfuß Erdgas.

Gleichzeitig sind Rechte an einem erweiterten Festlandsockel nicht mit territorialer Souveränität gleichzusetzen; die Gewässer bleiben für die internationale Schifffahrt offen.

Russland war das erste Land, das offiziell die Anerkennung eines erweiterten arktischen Festlandsockels anstrebte und seit 2001 mehrere entsprechende Anträge bei einer UN-Kommission einreichte. Da die Kommission zusätzliche wissenschaftliche Belege forderte, führte Moskau umfangreiche Arktis-Expeditionen durch.

Auch andere Länder schlossen sich dem Wettlauf in der Arktis an: Dänemark reichte 2014 Ansprüche ein, gefolgt von Kanada im Jahr 2019. Nachdem Russland 2021 seinen beanspruchten Festlandsockel deutlich ausgeweitet hatte, reagierte Kanada im Jahr 2022 mit einer Erweiterung seiner eigenen Ansprüche. Kanada kritisierte dabei, dass sich durch Moskaus Schritt die Fläche, die sich mit dem eigenen Antrag überschneidet, verdreifacht habe.

Moskau ist es jedoch gelungen, seine Ansprüche erfolgreich zu untermauern. Im Jahr 2023 folgte die UN-Kommission hinsichtlich der Grenzen des Festlandsockels weitgehend der russischen geologischen Argumentation und unterstützte einen erweiterten Festlandsockel, der schätzungsweise 1,8 Millionen Quadratkilometer umfasst.

Dennoch sind die Empfehlungen der UN allein noch keine endgültige Lösung des Streits. Russland, Kanada und Dänemark müssen ihre sich überschneidenden Ansprüche weiterhin durch Verhandlungen oder andere rechtmäßige Mittel klären. Ein solcher Prozess ist nicht ohne Präzedenzfall: So gelang es Russland und Norwegen im Jahr 2010, einen jahrzehntelangen Konflikt über ein etwa 175.000 Quadratkilometer großes Gebiet in der Barentssee beizulegen.

Wie sieht die russische Arktis aus?

Russlands Arktis erstreckt sich im Westen von der Halbinsel Kola nahe Norwegen bis nach Tschukotka gegenüber von Alaska im Osten; die gesamte Küstenlinie umfasst mehr als 24.000 Kilometer. Die offiziell als Arktiszone ausgewiesene Region Russlands erstreckt sich über etwa 4,8 Millionen Quadratkilometer – das entspricht 28 Prozent des Staatsgebiets – und umfasst ganze Verwaltungsregionen, von Murmansk im Westen bis in den Norden Jakutiens im Osten.

Wichtige russische Häfen entlang der Nordostpassage

Die Landschaft reicht von felsigen Küsten und Tundrenflächen bis zu gefrorenen Feuchtgebieten und ausgedehnten Taigawäldern. Weiter nördlich liegen abgelegene Inselgruppen – darunter Nowaja Semlja, Franz-Josef-Land, Sewernaja Semlja und die Neusibirischen Inseln –, die teilweise großflächig von Gletschern und ewigem Eis bedeckt sind. Nowaja Semlja diente zudem als bedeutendes sowjetisches Testgelände für Atomwaffen.

In der russischen Arktis leben fast 2,5 Millionen Menschen; die Region trägt – Stand 2025 – schätzungsweise sieben Prozent zum nationalen BIP und elf Prozent zu den Exporten des Landes bei.

Trotz ihres rauen Klimas ist die russische Arktis keineswegs eine menschenleere Wildnis. Zu den wichtigsten Bevölkerungs- und Industriezentren zählen Murmansk – mit 260.000 Einwohnern die weltweit größte Stadt nördlich des nördlichen Polarkreises und zugleich ein bedeutender eisfreier Hafen – sowie Norilsk, ein Zentrum der Nickel-, Kupfer- und Palladiumproduktion.

Weitere wichtige Zentren in der Arktiszone sind Archangelsk und Sewerodwinsk, die für ihre maritime Industrie und den Bau von Atom-U-Booten bekannt sind, sowie Workuta, Salechard und Nowy Urengoi, ein zentraler Knotenpunkt der Gasförderung.

Im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen befindet sich zudem die "Yamal LNG"-Anlage des Unternehmens Nowatek – die größte ihrer Art in Russland –, von wo aus Gas über den Hafen Sabetta exportiert wird. Weiter östlich liegt Pewek, der Standort der "Akademik Lomonossow" – des weltweit einzigen schwimmenden Kernkraftwerks.

Das einzigartige Design ist durch die Lage bedingt: Der Westen Tschukotkas ist nicht an das russische Stromnetz angeschlossen. Da das Kernkraftwerk in einer Werft gebaut und auf dem Seeweg an seinen abgelegenen Standort transportiert wurde, konnten erhebliche Schwierigkeiten vermieden werden, die mit dem Bau einer konventionellen Atomanlage an einem solchen Ort einhergehen würden.

Wie wichtig ist die Arktis für Russland – und umgekehrt?

Die russische Arktiszone ist ein wirtschaftliches Kraftzentrum: Sie bildet die Grundlage für Russlands Energieexporte, liefert kritische Rohstoffe und ist Standort für mehr als 80 Prozent der nationalen Erdgasförderung sowie bedeutender Anteile an der Öl-, Nickel- und Platinmetallproduktion. Großindustrielle Komplexe – darunter die Gasfelder auf der Jamal-Halbinsel und die Bergbauanlagen in Norilsk – sind nicht nur für den russischen Wohlstand von zentraler Bedeutung, sondern auch für die globalen Energie- und Rohstoffmärkte.

Was den Handel betrifft, so bilden Russlands Häfen, die großen sibirischen Flüsse und die Eisbrecherflotte – die weltweit größte ihrer Art – ein umfassendes Verkehrsnetz, das die rohstoffreichen Gebiete mit den internationalen Märkten verbindet.

In diesem Zusammenhang entwickelt sich die Nordostpassage – begünstigt durch den Klimawandel – zur wichtigsten arktischen Schifffahrtsroute. Im Jahr 2025 wurden auf dieser Strecke mehr als 37 Millionen Tonnen Fracht transportiert, davon 5,4 Millionen Tonnen zwischen russischen und chinesischen Häfen.

Trotz der Spannungen mit dem Westen im Zuge des Ukraine-Konflikts beteiligt sich Russland weiterhin in begrenztem Umfang an der Zusammenarbeit im Arktischen Rat – etwa bei der technischen Arbeit zur Umweltüberwachung und bei der Bewältigung anderer gemeinsamer regionaler Herausforderungen.

Warum ist die Arktis ein militärischer Schlüsselstützpunkt für Russland?

Über ihre wirtschaftliche Bedeutung hinaus ist die Arktis ein Eckpfeiler der russischen nationalen Sicherheit: Sie beherbergt wesentliche Elemente der nuklearen Abschreckung und bietet strategischen Zugang zum Atlantik und zum Pazifik.

Auf der Halbinsel Kola, die an Norwegen und Finnland grenzt, ist die Nordflotte mit ihren atomar bewaffneten U-Booten stationiert. Zudem schützt ein weitverzweigtes Netz aus Flugplätzen, Radaranlagen, Raketenabwehrsystemen und Militärbasen die nördlichen Zugangswege Russlands. Seit Anfang der 2010er-Jahre lässt Moskau zudem zahlreiche Anlagen aus Sowjetzeiten auf entlegenen arktischen Inseln wieder instand setzen.

Die Bedeutung der Arktis nahm weiter zu, nachdem Finnland und Schweden 2023 beziehungsweise 2024 der NATO beigetreten waren. Damit ist Russland nun der einzige der acht Arktisstaaten, der kein NATO-Mitglied ist.

Moskau schlug daraufhin Alarm angesichts der wachsenden Präsenz des Bündnisses in der Nähe seiner strategischen Marinestützpunkte. In diesem Jahr startete die NATO die Initiative "Arctic Sentry", die darauf abzielt, die militärische Koordination und Überwachung zu stärken – unter anderem durch gemeinsame Manöver, an denen zehntausende Soldaten beteiligt sind.

Auch die EU versucht, in die regionalen Angelegenheiten einzugreifen: Ihre neue Arktis-Strategie sieht den Ausbau der militärischen Logistik, die Aufrüstung von Häfen und Flughäfen für militärische Zwecke, die Erweiterung der Eisbrecherflotten sowie eine verstärkte satellitengestützte Überwachung der Region – einschließlich der Nachverfolgung russischer Öltanker – vor.

Angesichts des Säbelrasselns westlicher Staaten warf Putin der NATO vor, den hohen Norden zunehmend als "Sprungbrett für potenzielle Konflikte" zu betrachten. Er warnte: "Wir werden von den aktuellen Realitäten ausgehen und auf all dies reagieren."

Der russische Außenminister Sergei Lawrow ging noch weiter und warf der NATO eine gezielte Militarisierung der Arktis vor. Er betonte, dass "eine solche militärische Aktivität im hohen Norden eine direkte Bedrohung für die Sicherheit Russlands darstellt". Zudem warnte er, dass eine Eskalation der Spannungen zu einer bewaffneten Auseinandersetzung mit "potenziell katastrophalen Folgen" führen könnte.

Wie leistungsfähig ist Russlands Eisbrecherflotte?

Russlands Eisbrecherflotte ist eine Klasse für sich; in ihrer Anzahl ist sie mit der des restlichen Weltbestands zusammengenommen vergleichbar. Das Land betreibt 43 Eisbrecher, darunter acht atomgetriebene Schiffe und 35 dieselelektrische Einheiten.

Atomgetriebene Eisbrecher sind besonders leistungsstark, da sie über lange Zeiträume ohne Nachtanken operieren können. Sie ermöglichen den Zugang zu abgelegenen Häfen und geleiten Handelsschiffe durch stark vereiste Gewässer. Russlands vier moderne Eisbrecher des Projekts 22220 mit einer Leistung von jeweils 60 Megawatt sind darauf ausgelegt, Eis mit einer Dicke von bis zu etwa 2,8 Metern zu durchbrechen.

Moskau baut seinen Vorsprung bei Eisbrechern weiter aus: Es ist geplant, vier weitere nuklearbetriebene Eisbrecher in Dienst zu stellen, die sich derzeit in unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden. Dazu gehört der gewaltige Eisbrecher des Projekts 10510, die "Rossija", die über eine Antriebsleistung von 120 Megawatt verfügt und die Schifffahrt selbst durch noch dickeres arktisches Eis ermöglichen soll. Die Inbetriebnahme ist für Ende 2029 geplant.

Russlands Eisbrecherflotte ist der US-amerikanischen weit voraus; die USA verfügen lediglich über drei Polareisbrecher – ein Defizit, das von mehreren US-Regierungen als Sicherheitsrisiko für das Land eingestuft wurde.

Die EU verfügt insgesamt über etwa zehn Eisbrecher – je nach Klassifizierung. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas räumte diese Lücke ein und erklärte, dass "Eisbrecher in der Arktis das Maß für Macht" seien. Es gibt Überlegungen zu einer gemeinsamen Beschaffung, doch dürften derartige Bemühungen erst in vielen Jahren zu konkreten Ergebnissen führen.

Wie regiert Russland die Arktis?

Angesichts der unbestreitbaren Bedeutung der Region hat Moskau einen umfassenden staatlichen Apparat zur Verwaltung seiner nördlichen Gebiete geschaffen. Während die grundlegenden Prioritäten und die strategische Ausrichtung von Putin persönlich festgelegt werden, liegt ein Großteil der föderalen Koordination in den Händen des stellvertretenden Ministerpräsidenten Juri Trutnew, der die Staatliche Kommission für die Entwicklung der Arktis leitet. Dieses 2015 gegründete Gremium bringt hochrangige Beamte, regionale Gouverneure und Vertreter großer Unternehmen zusammen, um die Wirtschafts-, Infrastruktur- und Sicherheitspolitik zu koordinieren.

Zudem ist das Ministerium für die Entwicklung des russischen Fernen Ostens und der Arktis – unter der Leitung von Alexei Tschekunkow – für die Region zuständig. Es befasst sich mit der Entwicklungspolitik für die Arktis, Investitionsanreizen sowie sozioökonomischen Programmen.

Was das maritime Portfolio in der Arktis betrifft, so untersteht es der Aufsicht von Nikolai Patruschew – dem ehemaligen Sekretär des russischen Sicherheitsrates und heutigen Berater des Präsidenten –, der den im Jahr 2024 gegründeten "Maritimen Rat" leitet. Dieser Rat dient dazu, die maritime Strategie zu koordinieren und Russlands Interessen auf See zu wahren.

Auch der staatliche russische Atomkonzern Rosatom spielt in der Region eine bedeutende Rolle; er verwaltet die Infrastruktur der Nordostpassage sowie die Flotte von Atomeisbrechern. Zudem leitet der Gouverneur der Oblast Murmansk, Andrei Tschibis, eine eigens eingerichtete Kommission des Staatsrates, die sich mit der Nordostpassage und der Arktis befasst und dabei hilft, Vorschläge für die regionale Entwicklung zu koordinieren.

Die russische Regierung betreibt zudem seit Jahren verschiedene Anreizprogramme in der Region. Dazu gehört ein Vorzugsregime für Unternehmen, das berechtigten Betrieben mehrjährige Steuervergünstigungen sowie reduzierte Sozialversicherungsbeiträge bietet.

Moskau führt außerdem das Programm "Arktischer Hektar" durch, bei dem anspruchsberechtigte Bürger bis zu einem Hektar Land zur Bebauung völlig kostenlos erhalten können – mit der Option, später das Eigentumsrecht daran zu erwerben. Zudem gibt es das "Arktis-Hypotheken"-Programm, das Kreditnehmern subventionierte Wohnungsbaudarlehen zu Zinssätzen von bis zu 2 Prozent ermöglicht.

Einige Regionen der Arktiszone verzeichnen die höchsten Durchschnittsgehälter des Landes. Laut Rosstat erreichten die durchschnittlichen monatlichen Bruttolöhne im Jahr 2025 etwa 215.000 Rubel (2.400 Euro) in Tschukotka und 178.000 Rubel (2.000 Euro) im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen – ein Niveau, das dem in Moskau entspricht oder es sogar übertrifft und deutlich über dem landesweiten Durchschnitt von 100.000 Rubel (1.100 Euro) liegt. Diese finanziellen Vorteile werden jedoch teilweise durch höhere Lebenshaltungskosten wieder ausgeglichen.

Die Region profitiert zudem von einem speziellen, noch aus Sowjetzeiten stammenden System der "nördlichen Versorgung" (Nordlieferungen), das die Belieferung entlegener Siedlungen mit lebensnotwendigen Gütern koordiniert.

Wie hat Russland seine arktischen Grenzgebiete erschlossen?

Während indigene Völker die Region bereits seit Jahrtausenden bewohnten, begannen russische Pomoren-Seefahrer im Mittelalter mit der Erkundung des Weißen Meeres und der Barentssee und gründeten dort Handels- und Fischereisiedlungen. Eine umfassende Erschließung gewann jedoch erst ab dem 16. Jahrhundert an Dynamik.

Der tiefgreifendste Wandel vollzog sich in der Sowjetzeit, als Moskau erhebliche Ressourcen in die Polarforschung, Industrialisierung und Verkehrsinfrastruktur investierte. Im Jahr 1932 durchquerte der sowjetische Eisbrecher "Alexander Sibirjakow" als erstes Schiff die Nordostpassage innerhalb einer einzigen Navigationssaison. 

Ein weiterer Meilenstein wurde 1959 erreicht, als die Sowjetunion die "Lenin" in Dienst stellte – den weltweit ersten Eisbrecher mit Atomantrieb. Dies ermöglichte es Schiffen, über längere Zeiträume hinweg in der Arktis zu operieren. Während des Kalten Krieges investierte Moskau zudem massiv in Marine- und U-Boot-Stützpunkte in dieser Region.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 brachen die Investitionen ein, die Infrastruktur verfiel, und die Schifffahrt im Norden ging zurück. In den 2000er-Jahren begann Russland jedoch damit, seine Präsenz in der Arktis wieder auszubauen: Es wurden bedeutende Energieprojekte entwickelt, militärische Einrichtungen reaktiviert und die Kapazitäten an Eisbrechern erweitert.

Wie investiert Russland in die Arktis?

Moskau hat die Entwicklung der Arktis zu einer langfristigen nationalen Priorität erklärt; die aktuelle Strategie reicht bis ins Jahr 2035. Nach Angaben russischer Amtsträger wurden seit 2020 mehr als 1.000 staatlich geförderte Projekte in der Region initiiert, die Investitionen in Höhe von rund 2,6 Billionen Rubel (29 Milliarden Euro) mobilisiert haben. Moskau geht davon aus, dass das Gesamtinvestitionsvolumen im kommenden Jahrzehnt 30 Billionen Rubel übersteigen wird.

Ein Großteil dieser Bemühungen konzentriert sich auf natürliche Ressourcen: Große Unternehmen – darunter Gazprom, Rosneft, Novatek und Nornickel – weiten ihre Aktivitäten in den Bereichen Öl, Gas und Bergbau aus, während die Regierung Investoren mit steuerlichen Vergünstigungen und anderen Anreizen lockt.

Zudem modernisiert Moskau arktische Häfen, baut Eisenbahnverbindungen aus und entwickelt spezialisierte Frachtflotten. Neben dem Bau von Eisbrechern ist bis 2035 die Anschaffung von mindestens zehn Rettungsschiffen sowie der Start von 12 Wetterüberwachungs- und Radarsatelliten geplant, um eine zuverlässigere Schifffahrt entlang der Nordostpassage zu gewährleisten.

Auch der militärische Ausbau bleibt eine Priorität: Russland modernisiert kontinuierlich Flugplätze und Stützpunkte, stärkt die Nordflotte und erhöht die Zahl des in der Region stationierten Personals. Im vergangenen Jahr ordnete Putin zudem die Verlängerung eines Programms zur Sanierung militärischer Siedlungen bis mindestens 2030 an, wobei jährlich mindestens 10 Milliarden Rubel (110 Millionen Euro) an Bundesmitteln bereitgestellt werden sollen.

Fazit

Auch wenn der Wettlauf in der Arktis durch die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen im Zuge des Ukraine-Konflikts in den Hintergrund gerückt ist, bleibt die Region für Russlands langfristige Interessen von entscheidender Bedeutung. Die gewaltigen natürlichen Ressourcen der Arktis bilden eine Stütze der nationalen Wirtschaft, die dortigen Militärbasen sind ein unverzichtbarer Bestandteil der russischen nuklearen Abschreckung, und die Nordostpassage eröffnet lukrative Handelsmöglichkeiten entlang der ausgedehnten Nordküste des Landes.

Während sowohl die NATO als auch die EU nach Einfluss in der Region streben, hat Russland unmissverständlich klargemacht, dass es nicht die Absicht hat, seine langjährige Position aufzugeben. Für den arktischen Riesen ist dieses gefrorene Grenzgebiet weit mehr als ein entlegener Außenposten oder ein nebensächlicher Gewinn – es ist ein Eckpfeiler seiner Sicherheit, seines Wohlstands und seiner Zukunft.

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