Meinung

Skandal um rote Karte: "Regelbasierte Weltordnung" jetzt auch bei der FIFA

Ob jetzt also eine Karte rot ist oder nicht, entscheidet sich im Telefonat mit dem FIFA-Präsidenten? Na, wirklich neu ist sowas nicht, hatten wir nur bisher eher in Politik und Wirtschaft. Aber das ist das Ergebnis von "Regeln sind für die anderen"...
Skandal um rote Karte: "Regelbasierte Weltordnung" jetzt auch bei der FIFA© mit KI erstellt

Von Dagmar Henn

Ganz ehrlich, warum sollte es den Fußballregeln besser ergehen als dem Völkerrecht? Das ist doch auch schon zur völligen Beliebigkeit verkommen. Dazu muss man nur mal das Gezeter um den "russischen Angriffskrieg" mit der Umschreibung des israelischen Genozids als "legitime Selbstverteidigung" vergleichen. Aber irgendwie hofft man doch immer, dass es Bereiche gibt, die nicht von diesem Gift befallen werden.

Und immerhin erhielt selbst bei der Olympiade in Berlin 1936 der schwarze US-Leichtathlet Jesse Owens vier Goldmedaillen, ganz ohne Anruf aus der Reichskanzlei. Man könnte also historisch zumindest eine gewisse Zurückhaltung erwarten. Schließlich fanden weltweite Sportereignisse vor und nach beiden Weltkriegen statt, ohne dass da groß eingegriffen wurde. Aber irgendwie sind die Herren des Westens gerade auf Schrotten geschaltet.

Der Name des US-Spielers, der die Rote Karte erhielt, die nachträglich keine Rote Karte mehr gewesen sein soll – oder zumindest nicht die Folgen einer Roten Karte haben soll, wie sie bisher bei allen Weltmeisterschaften üblich waren –, bedeutet übersetzt: "Wandle in Reichtum, Heerführer." Der junge Mann spielt in Monaco, einer jener EU-Staaten, deren Fußballmannschaft halb so groß ist wie die Bevölkerung, und passt schon allein durch seinen Namen irgendwie hervorragend zu Donald Trump, obwohl er, wenn es nach Trump ginge, gar nicht für die US-Nationalmannschaft spielen dürfte, weil seine Eltern nicht einmal in den USA lebten, sondern seine Mutter zum Zeitpunkt der Geburt nur Verwandte in New York besucht hatte ‒ die Airline aber den Rückflug verweigerte...

Und die rote Karte, die irgendwie doch keine ist, oder vielleicht gleichzeitig rot und nicht rot, erleidet ein Schicksal, das an den aktuellen Zustand zwischen den USA und Iran erinnert. Da gibt es Analytiker, die die Absichtserklärung (Memorandum of Understanding) zu einem Gegenstück von Schrödingers Katze erklären, die bekanntlich so lange gleichzeitig tot und lebendig ist, wie keiner den Deckel der Kiste öffnet.

Eigentlich traurig, dass irgendwer Trump wohl erklärt hat, was eine rote Karte bedeutet. Oder, genauer, dass die letzte Person, die mit ihm darüber redete, ehe er sich zu Wort meldete, ungefähr verstand, wie das mit gelb und rot und einer Sperrung für ein Spiel funktioniert. Sonst hätte die Welt viel mehr Spaß gehabt. Schließlich ist bekannt, dass Trump nicht liest, und von einmal schauen versteht man die Fußballregeln nicht. Doch wer weiß, vielleicht fällt im nächsten Spiel ja ein Abseitstor, und dann gibt es eine Nachricht von Trump zum Abseits, das wird sicher lustig. Wer bräuchte da noch eine "Hand Gottes"?

Immerhin: So ausgeprägt der Ärger zu Beginn der WM auch war, dass zum Wohle der Werbewirtschaft Trinkpausen eingeführt wurden, die das Spiel seit 1897, als zwei Halbzeiten von je 45 Minuten festgelegt wurden, nicht kannte – nun muss man der Werbewirtschaft fast dankbar sein. Gäbe es nämlich diese Möglichkeit nicht, noch ein paar Millionen zusätzlich zu machen, wären womöglich die ganzen Spiele entfallen. Trump hätte den ersten Platz einfach per Dekret an die USA gegeben und die übrigen dann vermutlich versteigert. In Trumpcoin. Oder nach aktuellem Schmeichelwert vergeben (dumm nur, dass das Oberzäpfchen Mark Rutte gerade für keine Mannschaft steht). Und vorher hätte er vermutlich noch auf Polymarket darauf gewettet.

So richtig rund wird das mit der Aushebelung aller Regeln allerdings erst dadurch, dass das alles vor den Augen der Öffentlichkeit geschieht. Jeder wusste seit Jahrzehnten, dass FIFA und IOC geradezu berüchtigt korrupt sind und die Austragungsplätze großer Turniere immer Anlass für größere Geldschiebereien sind. Aber das fand nicht mit einer öffentlichen Übergabe von Geldkoffern statt, und auch die Drohungen beließ man eher in den Hinterzimmern. Doch jetzt ist nicht einmal mehr Corleone angesagt, und man macht sich beinahe Sorgen um die künftigen Gegner der US-Nationalmannschaft. Nach Belgien wären das erst einmal Spanien oder Portugal. Bekommen die dann Zolldrohungen oder wird gleich die Bombardierung angekündigt?

Ja, inzwischen hat man das Gefühl, dass das Rom, in dem ein Kaiser Caligula sein Pferd zum Konsul machte, noch ein Hort der Vernunft war, verglichen mit der aktuellen Weltlage. Trump ist da nur die Spitze des Eisbergs ‒ auch Ursula von der Leyen hat, unter verschiedenen Umständen, bereits eine ordentliche Liste von Drohungen und Erpressungen vorzuweisen, halt nur nicht Richtung Washington. Und angefangen hat das Ganze unter dem hübschen Titel "regelbasierte Weltordnung", die den Bürgern des Westens jahrelang als Ordnung verkauft wurde, statt als jene Zeit der Wölfe, die sie tatsächlich darstellt.

Ach ja, und noch etwas sollte man festhalten: dass die deutsche Mannschaft schon raus ist, erweist sich unter diesen Umständen geradezu als Vorteil. Nord Stream zu sprengen und damit dem Land die ökonomische Basis zu zertrümmern hat zwar schon Biden geschafft, aber Trump wäre bestimmt noch etwas eingefallen. Da ist man doch mal auf der sicheren Seite.

Aber langsam ist wirklich gut. Man wünscht sich mit aller Kraft zurück in eine Welt, in der die Fußballregeln und das Völkerrecht zumindest eine gewisse Verlässlichkeit besaßen. Eine Welt, in der man mit Diplomatie und souveräner Gleichheit etwas anzufangen weiß, in der Verträge gelten und Unterhändler nicht ermordet werden, und der Irrsinn der Reichsten auf ihr Privatleben begrenzt bleibt. Da bräuchte es eine rote Karte, die mit aller Kraft durchgesetzt werden sollte.

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